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Effektiv kommunizieren: überraschen statt konfrontieren


Ich fahre ja viel mit dem Zug. Und da habe ich sehr oft tolle Gelegenheiten, innere Ruhe (also Tschacka!) zu praktizieren und mich in effektiver Kommunikation zu üben. Nicht nur wegen der mittlerweile quasi zur Normalität gewordenen Verspätungen, sondern auch angesichts der Tatsache, dass nahezu jedes Mal unter den vielen Reisenden zumindest eineR unglaublicherweise eine andere Vorstellung davon hat, was ich für „buon senso“ (auf deutsch: „gesunder Menschenverstand“) halte. Das, was mir eine Selbstverständlichkeit erscheint, wie man sich eben so verhält, wenn man mit ganz vielen fremden Menschen ziemlich nah und ziemlich lang auf einem Haufen sitzt, ist definitiv nicht für alle so. Auf einer meiner letzten Reisen saß eine junge Frau nicht weit weg von mir und legte irgendwann ihre Füße auf den gegenüberliegenden Sitz. Sie stützte sich mit den Sohlen ihrer Schuhe auf der Vorderfläche der Sitzfläche ab, einfach so. Mein „inneres Team“ hat sehr schnell und sehr aktiv darauf reagiert und es gab auf der inneren Bühne rege Diskussionen. „Also sowas von respektlos,“ echauffierte sich da eine der Akteurinnen, „nicht nur denen gegenüber, die sich da danach hinsetzen, auch dem Objekt an sich gegenüber, ja, ich weiß, in amerikanischen Filmen legen sich die Schauspieler immer mit angezogenen Schuhen aufs Bett, aber wir sind hier am Brenner.“ „Jetzt hörst du dich echt an wie eine über 50jährige“, kams prompt von anderer Seite, „wird schon kein Hundescheiß dran sein, und du legst dich ja dann nicht mit deinem Gesicht dahin, oder? Was glaubst du, was sonst überall so für Bakterien rumhängen. Und außerdem ist es einfach bequem, du legst die Beine doch auch immer hoch im Zug.“ „Ja, aber ich zieh die Schuhe aus und leg dann noch meinen Pulli drunter.“ „Spießerin.“ Eine andere ging dazwischen, „also ich bin dafür, dass wir uns jetzt einfach wieder auf unser gutes Buch konzentrieren, man kann sich doch nicht um alles kümmern.“ „Mhh, einfach wegschauen. Um Konflikt zu vermeiden. Schon mal was von Stellung beziehen gehört? Ich find wir sollten da jetzt einfach mal was sagen: Hey Göre, nimm mal deine Kaslatschen da runter.“ „Nun ja, könnte man ja auch etwas diplomatischer machen, also zum Beispiel: Hey, entschuldige, dass ich dich stör, ich hab grad mitgekriegt, du hast die Füße da auf den Sitz getan, ich finde das ehrlich gesagt nicht sehr respektvoll, weil da setzt sich ja dann wieder jemand hin und wenn der vielleicht ne weiße Hose anhat, dann ist die weiße Hose danach schmutzig, könntest du nicht vielleicht wenigstens deine Schuhe ausziehen oder was drunterlegen?“ „Ja, genau, und was machst du, wenn sie Nö sagt?“ „Dann sag ich, alles klar, dann halt nicht. … Oder vielleicht sollte ich ihr dann einfach eine reinhauen?“

Irgendwann ist mir dann eingefallen, dass ich ja myCharisma-Trainerin bin. Mensch, vielleicht sollte ich einfach mal meine eigenen Methoden anwenden? Humor! Ich hab mich erst mal innerlich in eine Spielstimmung gebracht. Und dann hab ich aus meinem Block einen Zettel rausgerissen, bin zu ihr hin und hab strahlend gesagt: „Heb mal deine Füße hoch.“ Völlig überrascht hat sies gemacht, und ich hab ihr das Blatt unter die Füße gelegt. „Dann bleibt der Sitz sauber.“ Und dann bin ich strahlend wieder abgezogen. Sie blieb mit den Füßen auf dem Blatt, aber es rutschte immer wieder ein bisschen weg. Irgendwann hat sie es weggenommen. Und dann hat sie sich die Schuhe ausgezogen und die Füße wieder auf den Sitz hoch gelegt.

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